Mutters Tagebuch
Das Tagebuch unserer Mutter (1905-1987) bekamen wir Kinder wirklich erst nach ihrem Tode zu Gesicht.
Viele Ereignisse, vor allem der letzten Kriegsjahre, dann aber auch der frühen Nachkriegszeit, sind darin aus ihrer Sicht dargestellt.
Was hier interessiert ist ein Eintrag, der die erste Anwendung des neuen Rohrstockes beschreibt.
Hatte Mutti sonst bestenfalls mal mit erwähnt, dass sie mir wegen irgend einer Sache den Hintern ausgehauen hatte, wie das eben damals so üblich und "normal" war, so stand nun hier eine echte, etwas genauere Beschreibung:
"Als wir den Nachlass der verstorbenen Tante Lina ausräumen mussten, fand sich darunter auch ein nagelneuer Schulrohrstock. Die Tante hatte den, sie war Lehrerin gewesen, sicher einmal zugeteilt bekommen, offenbar aber niemals angewendet.
Da wir so etwas noch nicht wieder im Hausrat hatten, andererseits die Erziehung vor allem des Jungen, z.T. schon manchmal schwierig war, einfach, weil der nicht mehr hören wollte, bat ich meine Schwester, mir doch den Stock zu überlassen. Sie hatte nämlich, im Gegensatz zu uns, den Rohrstock für ihre beiden Rangen noch aus dem Bombenhagel retten können. Er lag ganz unten im Luftschutzkoffer und war so erhalten geblieben. Ich Dumme hatte an den natürlich nicht gedacht, als wir in Schlieben unsere Sachen packten um wieder nach Leipzig zu ziehen.
Und es ist ein wirklich "schöner Rohrstock!" Der wird vielleicht so eine abschreckende Wirkung haben, dass ich den sicher garnicht richtig nehmen muss!
Hanna, meine Schwester, riet mir aber, den wenigstens einmal auf Manfreds Erziehungsfläche auszuprobieren. Sonst hätte der überhaupt keine erzieherische Wirkung.
Na, das habe ich auch gemacht: Wegen irgend einer Kleinigkeit habe ich dem schon mal vier Hiebe übergebrannt! Der ist vielleicht in der Stube herumgesprungen! Scheint wirklich richtig weh zu tun. Der Stock liegt aber auch gut in der Hand und hat eine schöne Federkraft. Zur Abschreckung habe ich Manfred noch verprochen, dass es die nächsten Hiebe wieder auf den "Nacktgen" geben würde, wenn es denn mal so weit kommen müsste. Er jammerte und bettelte schon etwas. Ich hab' ihm aber gesagt, dass das ja wohl in SEINER Hand läge und von SEINEM Benehmen ganz ALLEIN abhinge."
Einige Seiten weiter beschreibt Mutti dann tatsächlich die erste richtige Anwendung des neuen Erziehungshelfers:
"Der Schulweg ist wirklich weit, so 3 km etwa. Und der ist noch zusätzlich verlängert, weil mitten auf der Straße ein riesiger Bombentrichter liegt. Die Kinder sollen durch anliegende Kleingärten laufen. Das verbaten sich aber die Kleingärtner, weil die Kinder da schon auch mal einen Apfel oder sonst etwas Essbares mitgehen ließen.
Der Schulweg muss nun über richtige Straßen gehen und ist so noch länger. Vielleicht 4 km.
Oder die Rangen turnen eben über die Trichterwälle. Kreuzgefährlich und verboten!
Vorgestern wurden sie von einem Polizisten abgefangen und aufgeschrieben. Dazu die Botschaft, dass wir Erziehungsberechtigten uns demnächst in der Wache einzufinden hätten.
Dort wurden jeder von uns 5.- Mark abgenommen und ein Vortrag über die Gefährlichkeit der Bombentrichter gehalten. Fast alle dort versammelten Mütter waren sich einig, dass sie die Strafe auf den Hinterteilen ihrer Sprösslinge abklopfen würden.
Und das habe ich denn auch getan!
Natürlich tat er mir schon ein bisschen leid, als ich ihm die Strafe ankündigte und befahl, die Hosen runterzulassen. Er tat das denn auch mit schuldbeusster Mine, aber die Unterhosen wollte er unbedingt anbehalten. Nun, da habe ich ihm geholfen! Er lag schließlich "ganz brav" über das Kopfende des Sofas, streckte mir den Hintern zur Bestrafung entgegen. Er kannte ja auch nach vorn nicht weg, den Hieben auszuweichen.
Schließlich habe ich mir gesagt, dass ich das einfach machen MUSS. Und auch, dass es weder ihm noch mir nützt, wenn die Hiebe nicht genügend ziehen! Er begann natürlich ein ohrenbetäubendes Geschrei, als der federnde Rohrstock die ersten Striemen in seinen Hintern schnitt. Da ich das Konzert aber schon kannte, gab ich darauf nicht all zu viel, sondern zog ihm ordentlich ausgeholt seine fünf Hiebe über!
Er ist anschließend wie wild im Zimmer herumgesprungen. Offenbar war die Strafe wirklich eindringlich!
Er konnte sich lange nicht beruhigen. Aber schließlich nahm ich ihn beim Kopf , damit er sich bei mir ausheulen konnte. Danach war, glaube ich wenigstens, alles wieder gut und in Ordnung."
Beim Durchblättern des Tagebuches fielen mir schon noch einige meine Erziehung betreffenden Einträge ins Auge. Obwohl keiner mehr so ausführlich den eigentlichen Strafakt beschreibt.
Meist sah es dann nur noch so aus:
.Freitag, den...........1948
...musste heute mal wieder den Manfred verhauen. Er wollte schon ganz ruhig bleiben, den "Mann" spielen. Habe ich dem aber klar gemacht, dass er immer noch ein zu erziehenden Rotzjunge ist! Auf seine "Standhaftigkeit" habe ich genau so wenig gegeben, wie auf das Geschrei sonst! Höchsten noch etwas mehr ausgeholt. Als er dann doch zu wimmern anfing, habe ich gedacht, dass es genügend gewirkt haben müsste!
Und das war auch so. Er hat felsenfest versprochen, sich nicht wieder aus meinem Portemonnaie zu bedienen.
Jedenfalls war es schon auch so, dass Mutti wohl ganz gern sich dieser, ihrer vermeintlichen Erziehungspflicht entledigt gesehen hätte, wenn, ja wenn ICH sie nicht immer, ungewollt natürlich, an eben diese Pflicht erinnert hätte.
Und so gibt es wirklich noch eine ganze Anzahl von Einträgen, die fast alle so beginnen:
....,den.....1949,( auch 1950 noch einige ähnliche Einträge)
...Musste Manfred schon wieder einmal verhauen. Es geht einfach nicht anders! .......Der merkt sich alles offenbar immer erst dann, wenn der Hintern gestriemt ist!
Dass dann 1952 der Rohrstock fröhliche Wiederauferstehung feierte (ich war da immerhin schon 16), einfach, weil ich im Fach Latein absolut zu schlecht wurde, ist leider nicht mehr durch Einträge belegt.
Schade, hätte ich doch so noch einen Einblick in die Gemütslage einer Mutter bei der Abstrafung des schon fast erwachsenen Sohnes lesen können.
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Freitag, 24. Juni 2011
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